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Abb. Gabi Streile, Artischoken grau, 120 x 160 cm

 

Zur Ausstellungseröffnung STILLLEBEN - Aquarell, Malerei, Linolschnitt, Objekt, Skulptur
Mit Arbeiten von Anke Eilergerhard, Matthias Garff, Moritz Götze, Harald Gnade, Volker März, Sabine Ostermann, Stephanie Pech, Werner Schmidt, Gabi Streile, Traute Ziegenfuss - Von Christoph Tannert

Das Stillleben, früher ein wichtiges Genre der Malerei, ist heute fast ausschließlich in der Hand von Produktwerbern und einer Industrie der Scharlatane, denen es darum geht, Kunden noch geschickter zu ködern, den Konsum noch weiter anzukurbeln und noch mehr Kasse zu machen. In der Kunst ist das Stillleben ein Genre auf dem absteigenden Ast.
Um so erfreulicher, dass man in der hiesigen Ausstellung so viele leckere Angebote findet, die auf verführerische Weise vom Eigensinn der Dinge künden. Hier walten weder Bitternis noch Vergrübelung – von Volker Märzens Fixierung auf das Nachdenken einmal abgesehen.
Von dieser Schau geht eine seltene stützende Kraft aus. 
Und natürlich ist nichts Abseitiges an dieser Erfahrung. 
Aber mancher fragt sich dennoch, ab so viel Schönheit erlaubt ist, angesichts der überfüllten Flüchtlingsboote. 
Aber zum Glück ist es wieder Volker März, der hier Abbitte tut mit kleinformatigen Darstellungen kunstvoll überladener LKWs, die in Teilen der Welt notgedrungen für Überlandtransporte benutzt werden, die uns erinnern an das Leiden der anderen und unser eigenes Unvermögen.
Es gibt kaum ein Sujet, das bis heute so augenscheinlich nichts an Aktualität eingebüßt hat, wie das Stillleben, selbst wenn es im Zuge gesellschaftskritisch engagierter Kunst Vorurteile und Bedenken gegen das vermeintlich schön-beschönigende Motiv mit Hang zu verklärender Sicht gibt. Doch wer hat schon wirklich etwas gegen Blütenschmuck und nostalgische Symbolik im Bild?
Stillleben enthüllen das geheime Leben der Dinge und sie stellen die Frage, was es damit wohl auf sich hat, dass die unbelebten Dinge zur Hauptsache der Bilder werden? Geht es um die Dinge selbst oder um Höheres?
Legten in früheren Jahrhunderten die Gemälde Zeugenschaft ab von kostbaren Gütern aus exotischen Ländern, wird heute eher Alltägliches gruppiert, etwa von Moritz Götze, der Blumensträuße und Laptops kombiniert, von Anke Eilergerhard, die aus Porzellankännchen und Sahne-imitierenden Silikon-Tupfern die kalorien-distanzierte Schön-Lebe im Überfluss thematisiert oder von Stephanie Pech, die mit einer alarmroten Annäherung der bedrohlichen Art Bügeleisen und Bademode konfrontiert. Im Vordergrund der Ausstellung steht die Fixierung des Diesseitigen.
Doch folgen wir dem römischen Sprichwort "per aspera ad astra", durch den Staub zu den Sternen, entdecken wir auch Hinweise auf die Vertikale, auf Spirituelles: etwa „Himmlisch Blue“ von Anke Eilergerhard – pointiert von den „Lichtformen“ von Harald Gnade, deren Lack-Oberflächen die unendliche Weite des Weltraums suggeriert, das stille Leben vor einem koronalen Massenauswurf mit Schlingen aus Sonnenteilchen vielleicht.
Wo liegt die große Weite? Ist sie in uns oder außerhalb von uns?
Und wieweit müssen wir reisen, um uns im Fremden selbst zu erkennen?
Es ist eine Qualität der Ausstellung, dass sie in ihrer räumlichen Inszenierung keinerlei Ordnung folgt, noch sonstige Klassifizierungen betreibt. Die Ausstellung ist voll wie nie und Werner Tammen hat sich entschieden für großes Sommertheater.
Viele der Positionen kennt man aus anderen Ausstellungen der Galerie, sie stehen in ihrem Eigensinn ebenso gut für sich wie im freien Zusammenspiel mit anderen Exponaten. Das funktioniert gleichsam nebenbei, sodass es an den Betrachtern liegt, die gezeigten Arbeiten in unterschiedlichsten Konstellationen in Verbindung zu sehen.
Klassisch ist die Faszination von Künstlerinnen und Künstlern am Motiv der Pflanze.
Ein wahres Blumen-Dorado entfesselt Traute Ziegenfuß mit Papageientulpen, Mohn, Rosen und Amaryllis.
Gabi Streile folgt ihr expressiv-saftig, von der Artischocke über die Melone bis zur Tulpe - darauf bedacht, der hohen Schule des Grünzeugs durch die Jahrhunderte hindurch mit gestikulierendem Pinsel Ehre zu erweisen.
Seine Sonderstellung in Bezug auf die Motivwahl unterstreicht Werner Schmidt mit seinen beiden Handtuch-Bildern. Die zerknautschen Textilien feiern sich selbst in ihrem Status des Benutztwerdens. Werner Schmidt weiß mit dieser Reduktionsformel zu überzeugen durch das Ziehen aller Register des malerischen Suggestionssortiments, aber gegenüber Gabi Streile zum Beispiel gerät er leicht ins Hintertreffen, weil der Automonolog eines Handtuchs zwar allumfassend von seiner dienenden Stellung berichten kann, aber eben in dieser hängenden Haltung nicht in der Lage ist, es mit dem kriegerisch farbstrotzenden Impuls von Gabi Streile aufzunehmen.
Aber eine Stillleben-Ausstellung ist keine Challenge, insofern darf jeder auf seinem Level posieren.
Stephanie Pechs Bilder stechen heraus aufgrund ihrer Hintergründigkeit, einem deutlichen Drall ins Unvermutete – allen vornweg ihre Würmer, denen wir auf ihrer Pirsch ins ästhetische Sein folgen dürfen. Die Künstlerin versteht es, Abbildhaftes und Abstraktes kulinarisch zu verschmelzen. Mal scheint sich dieser Wenigborster auf Brokat, mal im Dreck zu kringeln. Ein exquisites Stillleben der Entromantisierung dieses Genres.
Aus der Reihe tanzt auch Sabine Ostermann mit Linolschnitten – von der Stilblüte („Spitze!“) bis zum stillgestellten Besenstil („Kehrwoche“).
Einem von Katzenkrallen zerzausten Sessel mittels scharf-ausagierender Griffelführung Lebendigkeit zu verleihen, ist ihr besonders eindrucksvoll gelungen.
Matthias Garffs Insektenkästen, bewusst banal und doch im Widerstand zu einer Welt gefüllt, die vor allem das Bedeutende, das Schöne und Hehre bevorzugt. Seine „Insekten“ entstehen aus Materialien, die er beim Spaziergang von zu Hause ins Atelier findet.
Volker März’ „Brustvasen“, wie immer keck geformt, dass die Brustwarzen sprießen, hat Spaß an der Ironisierung der Inkunabeln von Renaissance bis Moderne. Wenn Stillleben Stillstellung des Augenblicks und Lob der Gemütlichkeit bedeutet, dann kontert er gewitzt mit Angriffen auf Spießigkeit.
Die Bildstrategien der hier versammelten Künstler und Künstlerinnen sind äußerst facettenreich. Manches kommt augenzwinkernd daher, anderes ist höchst artifiziell, experimentiert mit hybrider Darstellungsform, lebt die Lust am Dekorativen aus, verzerrt, übersteigert, ironisiert, spielt mit malerischer Tradition von Blüte bis Blumenvase, vom Übersehenen bis zum Erhabenen.

 

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Abb. Moritz Götze, Goethe-Regal, 2015, Installation Emailmalerei, 18 Teile, ca. 270 x 110 cm


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