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Der 1964 in Halle an der Saale geborene Künstler Moritz Götze ist bekannt geworden durch seine Werke als Maler und Grafiker. Er bezeichnet sich selbst als Objekt- und E-Mailkünstler, er wird als Künstler der Erzählungen und der Mythen bezeichnet.

Bereits während seiner Zeit als Lehrling zum Möbeltischler, Anfang der 80-er Jahre konnte man die in ihm steckende Kreativität sehen. Nach der Ausbildung führte ihn sein Weg bis 1985 in verschiedene Bands, in denen er sich als Gitarrist oder als Sänger engagierte und nebenbei Punktfestivals organisierte.

Die folgenden zehn Jahre betrieb Moritz Götze eine Graphikwerkstatt, in der er bis 1995 unzählige Plakate nach eigenen und teilweise fremden Entwürfen kreierte. Seine Drucke wirkten surreal und durch die in seinen Drucken abgebildeten ungelenken Figuren und punktigen Wortfetzen, erhaschte er eine Menge Aufmerksamkeit und fasste Fuß in der Welt der Künstler.
Während dieser Zeit lehrte er an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Serigraphie und war als Gastprofessor an der Ècole Nationale Supèrieure des Beaux-Arts in Paris angestellt. 1996 erhielt er den Kulturförderpreis Sachsen-Anhalts.

Seine Kunst wandert mit der Zeit. Von dem Bedruckten von Plakaten oder der Siebdruck-Methode, mit der er Anfang der 90-er begann, verläuft eine Linie zur der Kunst mit E-Mail, die heute ein Bestandteil seiner Ausdruckskunst darstellt.

Der Schwerpunkt Moritz Götzes wanderte zu Alltagsthemen, bevor er sich zur Jahrtausendwende wieder mehr dem Politischen hingab. Eine seiner Kunstwerke, die Serie "re:realismus" beschäftigt sich mit dem sozialitischem Realismus und der "Ostalgie".

Nach seiner Heirat mit Grita Götze gründete Moroitz Görtze zusammen mit Peter Gerlach im Jahre 2006 den Hasenverlag. Der Themenschwerpunkt liegt hier besonders bei kulturgeschichtlichen Themen.

2006 und 2007 entwarf Moritz Götze eine große Emailkomposition namens Victoria. Diese Komposition stellt ein Panorama aus mehr als 700 einzelnen Teilen dar. Ein Panorama der Moderne, welches durchzogen ist von geschichtlichen Ereignissen, sowie den Vision zukünftigen Ereignissen.

Die Materialien eigener Bildfindung sind für Moritz Götze Kulturgeschichtliches und Kunsthistorisches, der Blick zurück in die Gesellschaftsgeschichte unseres Landes, aber auch Wahrgenommenes aus dem direkten Lebensumfeld - urbane Szenerien oder Gegenstände des Alltäglichen. Dabei bedient er sich eines comicartigen Malstils, der nicht mit der herkömmlichen pop-art identisch ist. Götze inhaltlicher Schwerpunkt aber ist die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte und hier steht er - wenn auch ganz unterschiedlich - in der Tradition von Anton von Werner, Arnold Böcklin, Franz von Stuck, Jörg Immendorff, Penck oder Anselm Kiefer ohne jedoch deren jeweiligen mythologischen Bezug aufzunehmen. Es ist ein solitäres Werk. Er, ein Künstler, geprägt durch zwei Deutschlands, zeigt seine Sichtweise ironisch und geschichtsversessen zugleich.

 

Moritz Götze – Laudatio zum 50. Geburtstag von Michael Freitag

Meine Damen und Herren, ich leite seit sechs Monaten ein Museum, ein anderes als vorher. Das liegt jetzt im Vorharz. Die Umstände kommen einem neuen Leben so nahe, dass ich mir diesmal vornahm, außerhalb dieser Perspektive mindestens ein Jahr lang keine Reden mehr zu schreiben. Und? Trotzdem bin ich hier. Woher kommt die Schwäche? Liegt es daran, dass nicht wirklich eine Rede verlangt ist, sondern mehr so ein Jubiläumsding? Eine Laudatio ist keine Eröffnungsrede. Sie ist feierlich, also abstandsverneinend. Sie ist anlassbestimmt, also frei von weiteren Gründen. Offenbar habe ich zugesagt, weil ich dachte: „Keine Bescheidwisserprosa? Na gut!“

Eigentlich herrlich sogar! Ein Festredner darf abschweifen und einfach alles sagen. Nur das eine nicht. Man darf nicht sagen, dass 50 Jahre sogar für einen Künstler ein halbes Jahrhundert bedeuten. Kreativität altert nicht, das weiß jeder. Nur der sowieso immer unsympathische Jean Jacques Rousseau sah auch das anders. Als er 50 wurde, erklärte er der Welt, er trete nunmehr ins – Greisenalter ein. Das war 1762. Für diese Indiskretion wurde er mit der Unsterblichkeit betraft. Und so konnte ich diesen kalten Bekenner auch 252 Jahre später noch beim Selbstmitleid erwischen.

Heute wäre jemand, der sich mit 50 zum Greis erklärt, reif für die Talkshow. Dann würde er mit Aryuveda-Kuren konfrontiert, müßte Wohlfühlshops testen und bekäme es mit Boddystyling oder therapeutischer Selbstfürsorge zu tun (von Bestellportalen für Viagra oder Antiagingcremes nicht zu reden). Rousseaus schwarzes Bekenntnis macht deutlich: Das Emanzipationsprojekt der Aufklärung hatte eine Verleugnungsindustrie zur Folge. Wer heute das Altern Altern nennt, wird nicht mehr unsterblich, sondern bekommt die Höchststrafe – er wird prominent.

Meine Damen und Herren, die Frage ist vielleicht nicht so sehr, warum das so ist, sondern die, warum ich das sage. Keine Ahnung. Ich weiß nur nicht, wie ich anders zur Tatsache überleiten soll, dass Moritz Götze, statt übers Altern nachzudenken, Paddelboot fährt. Das ist kein persönliches Ausweichkonzept. Er merkt gar nicht, dass er etwas unterlässt. Eher ist er unbekümmert, mit der Wahrnehmungsgebundenheit des beschäftigten Kindes gesegnet und auch erwachsen noch ins Spielen vertieft. Überall bunte Steine! Götze ist Maler, Grafiker, Handwerker, Hausbesitzer, Weltreisender, Sammler, Archivar, Familienvater, Künstlersohn, Verleger, Projektemacher und, ich fasse es nicht: Museumsbesucher. Kaum einer kann ihm widerstehen, weil keiner weiß, wer er gerade ist.

So gesehen kommt alles darauf an, ob man dienstags oder mittwochs um eine Rede für Götze gebeten wird. Mich rief Jörk Rothamel an einem Mittwoch an, als ich gerade in den Briefen Rousseaus blätterte. Ich wusste sofort, dass Götze den bestimmt nicht liest. Und so hatte ich, noch bevor ich den Hörer auflegte, schon einen Redepunkt: Der eine war Philosoph und zerbrach mit seinem „Zurück zur Natur“ eine ganze Epoche, folgte aber seinem Denken nicht und vergreiste lieber ohne Sauerstoff. Der andere ist ein geistiger Wanderradrennfahrer, übergeht ganze Epochen und folgt einem Lebensentwurf, der nach keinerlei Bekenntnissen verlangt.

Ein Anfang für die Rede. Was meinen Sie? Ihm folgt: Eher als dem Genfer Misanthropen würde Götze einem anderen folgen, einem, der aus seiner eigenen Landschaft stammt. Der nämlich hatte geraten: Traue keinem Gedanken, den du nicht im Freien angetroffen hast. Friedrich Nietzsche, der wie Moritz Götze alle Fundamentalisten hasste, hatte als passionierter Spaziergänger dem „Zurück!“ etwas abgewonnen, das viel näher lag: „Wir sind so gern in der freien Natur“, schrieb er, „weil diese keine Meinung über uns hat“.

Das steht in „Menschliches. Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister“, veröffentlicht 1880, in dem Jahr also, als Anton von Werner jenen Saarbrücker Rathauszyklus gemalt hat, den Götze 2006 noch einmal aufpolierte, weil er festgestellt hatte, dass die Meinungen über diesen Vorgängerkünstler seiner Wirksamkeit nicht gerecht werden. Und er hatte Recht. Meinungen sind Gewissheiten ohne Wissen. Meinungen über Kunstwerke sind die Pest. Man kann gar nicht oft genug über sie hinweg malen, meine Damen und Herren. Das Gewicht, das wir Meinungen einräumen, auch unseren eigenen, verheert unser vergängliches Leben noch nachhaltiger als unser Wunsch, zu den Guten zu gehören. Vielleicht zielt darauf ja auch der Titel der Ausstellung, in der wir hier stehen: Schönheit fällt als Begriff auf die Seite der Meinung. Das Gute auf die des Untergangs.

Das soll sagen: Auch dieser Titel ist auf Götzische Weise richtig geirrt. Schönheit und Untergang sind Projektionsbegriffe unserer Sehnsucht. Sie operieren als etwas Herbeigerufenes geistig auf ein und derselben Ebene. Gegenüber gestellt, wie hier, haben sie gar keinen Sinn. Deshalb erinnert „Schönheit & Untergang“ mehr an das Namenspaar eines Firmenschilds. „Schönheit & Untergang“ ist wie „Breitkopf & Härtel“ oder „Moritz & Jörk“, weit weg jedenfalls von der Polarität einer begriffsscharfen Logik. Die würde ja „Schönheit & Häßlichkeit“ erzwingen. Aber das klingt, wie das Richtige oft, überhaupt nicht gut. Das Gegenwort zu Untergang wäre wohl Aufstieg. Spinnt man das weiter, kommt man schnell in die laue Luft essayistischer Poesie und könnte „Schönheit im Untergang“ oder „Schönheit als Untergang“ erwägen. Andererseits ist der Begriff „Schönheit“ als Gegenstand der zeitgenössischen Ästhetik selbst dem Untergang geweiht, weshalb man eigentlich „Untergang & Untergang“ titeln, oder in der vorigen Variation sogar „Untergang als Untergang“ sagen müßte.

So ist das eben bei Götze: Ohne Verzug ist man an jeder Eindeutigkeit vorbeigepaddelt und macht erst bei den Tautologien wieder Rast. Mit den Tautologien aber ruht man im Kern aller Kunst. In ihr korrespondiert das Prinzip der systemischen Selbstorganisation mit dem Prinzip der partiellen Selbstbezüglichkeit. Kunst ist Ausleeren und Wiederfüllen von Bildern und Worten. Niemand sieht das so heiter wie Moritz Götze.

Die dumme, weil tausendfach von der Praxis abgewiesene Frage, ob man aus der Geschichte etwas lernen könne, lenkt Götze in die Frage um, ob man ihr etwas entnehmen kann. Natürlich! Man kann ihr alles entnehmen. Alles – außer Sinn. „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ – meine Damen und Herren! Es lohnt sich, dieses Hauptwerk des Nietzscheaners Theodor Lessing wieder einmal zu lesen. Es bestärkt das Gefühl, dass Geschichte, ohne selbst etwas zu sein, alles darzustellen vermag, was eine interessenbestimmte Gegenwart von ihr erwünscht. Den Sinn stellt man selber her, indem man sich der Zeichen, Insignien, Symbole und Werke der Vergangenheit bemächtigt und so, weil man in einer anderen Zeit agiert, die Kriterien des Zugriffs kenntlich macht. In der Kunst kann man die Zugriffsweise „Stil“ oder „Handschrift“ nennen. Im vorliegenden Fall hätte man es statt mit der Vergötzung des Gewesenen mit dessen Vergötzigung zu tun.

Vergötzigung. Bei ihr schwimmt „Goethe in Italien, nach Tischbein“, Emaille, auf dem Öl von „Goethe in der Campagna“, während der Jahrhundertdichter unentwegt „auf denen Ruinen sitzet und über das Schicksal der menschlichen Werke nachdenket“. Götze hätte es nicht schöner sagen können als sein verblichener Kollege Tischbein. Besser malen wollte er das aber schon. Ein fröhlicher Ernst. Schließlich ist das, was Götze unter seine Hände nahm, ein Programm-Bild des 18. Jahrhunderts. Den Reiz an der Sache hat Götze allerdings sofort erkannt: Programmatik ist selten schön, immer jedoch der Untergang eines Kunstwerks.

Das Gemälde von Tischbein lebt heute nur noch in den Reflexen posthumer Klischees über die Person des Porträtierten. Als Malerei hatte das Bildnis schon damals keinen Bestand. An der Anatomie wurde gemäkelt, die falsch angehefteten Füße wurden belächelt, die unwirkliche Liegehaltung auch. Natürlich machte nicht seine Mißratenheit das Gemälde berühmt. Die Ursache für das Mysterium ist vielmehr die Schlichtheit seiner Botschaft. Vor allem sie, die emblematische Einfalt, machte das Porträt geeignet, eine ganze Epoche zu repräsentieren. Der Vorgang bestätigt uns, meine Damen und Herren: Simplizität ist untergangsresistent, Schönheit nicht.

Was aber ist mit der Schönheit passiert? Sie reicht bei Tischbein nur bis zur Absicht, weshalb er ein Problem mit der Angemessenheit bekommt: Das Bildungsdekor ist als Malerei nicht großartig genug, um sein Format zu tragen. Goethe selbst, der das Bild nicht mochte (so sehr es ihm diente), hatte das in einem vergifteten Lob schon angemerkt: Das Motiv gebe

„ein schönes Bild“, schrieb er auf, nur sei es „zu groß“ – und jetzt kommt das Gift – „für unsere nordischen Wohnungen“. Das Original hat 1 Meter 64 auf 2 Meter 06. Und Götzes Maßnahme? Er überwindet den Schmerz am zu groß geratenen Schönen, indem er es in den Untergang von 2 Meter 50 auf 3 Meter 60 treibt. Das heißt, er transformiert die Überlebensgröße des Kleinbürgerbildes in die Richtigkeit eines künstlerischen Monuments. Der Akzentwechsel ist elementar: Aus dem Monument der Person entsteht das Monument eines Bildes.

Damit ist das Wohnzimmer für immer erledigt, noch längst nicht aber die Malerei. War an der Schönheit noch etwas zu retten? Natürlich. Man musste die Färbung vor allem in eine Farbigkeit heben. Statt der blassen Kolorierung des Klassizisten wählt Götze eine komplimentäre Vollresonanz zwischen Lila und Gelb, Farbkreisübergänge zwischen Blau und Grün eingeschlossen. Das alles unter einer glänzenden Oberfläche und im Schmelz von Glasflusspigmenten. Emaille, in der Malerei nur als segmentierte Umrissfigur denkbar, plakativ gegliedert und unfähig, Valeurs zuzulassen, Emaille ersetzt den Verwirklichungsstoff der Illusionsmalerei, das geschmeidige Modellieren in Öl und Terpentin. Ohne die Verlaufsform von Abstufungen entfällt auch die Scheinplastizität des Gesehenen im Für und Wider von Licht und Schatten. Emaille macht die Malerei hart, aber ehrlich. Ein Kröllwitzer Gruß Richtung Frauenplan.

Mit diesem Vorstoß gewinnt nicht nur das Kolorit, sondern auch das Motiv. Goethe in grünen Strümpfen, die ihm sicher gefallen hätten, sitzet bei Götze zwar immer noch „auf denen Ruinen“. Aber jetzt sind es die Ruinen des früheren Bildnisses, auf die es ankommt. Mit seinem Bild zum Bild hat diesmal Moritz „über das Schicksal der menschlichen „Werke“ nachgedacht und nicht der von Tischbein beauftragte Wolfgang.

Trotzdem. Es ist noch nicht vorbei: Der Bildhintergrund ist bei Tischbein eine klassisch ausgeräumte Gedankenlandschaft voller toter Kompilationen zwischen Zeitsymbolik und Trümmersentiment. Von Ägypten bis zum barocken Rom wurde dabei die Kulturauffassung der Klassik penibel durchbuchstabiert. Götze macht daraus eine dicht besetzte Müllhalde von schwach erinnerten Verweismotiven. Er belässt es bei einer Draperie, die im einzelnen nichts mehr besagen will, weil die Bruchstücke der Bildung sowieso nicht mehr zu uns sprechen. So fegt er die tüftelnde Bezüglichkeit von Tischbeins künstlerischer Glaubenswelt hinweg. „Antikenschrott mit Erinnerungsfigur“ könnte man das Bild von Götze nennen, denn es thematisiert ja vor allem, was man vermisst.

Es entsteht ein Bild-Aggregat von einiger Komplexität. Fern von aller akademischen Malerei, wie sie in Erfurt, Halle und Quedlinburg noch heute gepflegt wird, übergeht das angetäuschte Relief die Konventionen des Tafelbilds. Außerdem definiert Götze die rechteckige Vorlage der Kunstgeschichte in so etwas wie die oblonge Variation eines anderen Mediums um: Es entsteht eine Brosche. Ein Riesending natürlich, das sich als Schmuckstück selbst konterkariert. Niemand könnte das tragen. Aber es funktioniert wieder, wenn man es als Brosche am Plüschkleid unseres Geschichtsdenkens betrachtet.

„Schönheit & Untergang“, will ich sagen, das ist eine Ausstellung, die zuletzt ein Bild von uns selbst zeichnet. Sie führt uns die Relativität unserer Vorstellungen vom Sinn der Bilder vor Augen. Und sie stellt uns als die Meinungsträger hin, über die wir, wenigstens bei Eröffnungen, ab und an einmal lächeln sollten. Das ist vom Künstler sehr milde gedacht, und ein Geschenk. Das Geschenk von einem, den eigentlich wir feiern und beschenken wollen.

Ist man bei dieser Umkehrung angelangt, blickt man unsicher um sich und stellt fest:

Er hat es schon wieder getan! Er! übernimmt die Autorenschaft in dem Spiel und wir werden zu den Tischbeins seiner Lust. Ist es so, hilft nur mitspielen. Deshalb danke ich jetzt dir, lieber Moritz, für deine Laudatio zu meinem 50. Geburtstag, den ich vor zehn Jahren beging. Mach ruhig weiter so. Langweilig wird das in 50 Jahren nicht.

Michael Freitag Quedlinburg, 27. Juni 2014

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