Impressionen Roland Hohlbaum/Marlies von Soden

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Rede zur Ausstellungseröffnung Marlies von Soden / Roland Hohlbaum, Galerie Tammen, Berlin, 13.06.2014

Roland Hohlbaum kommt vom Tachismus her.

Hier in der Ausstellung sehen Sie aktuelle Bilder in Öl auf Leinwand, die weitestgehend als Landschaften gelesen werden können und in Teilen sowohl gegenständlich als auch abstrakt angelegt sind.

Außerdem zeigt der Künstler kleine Tuschebilder aus den letzten drei Jahren, die um das Thema Stadt kreisen und sich deutlich ablesbar auf Berlin beziehen oder auch auf La Gomera entstanden.

Sie sind mit spezieller Tusche auf Fotodruckpapier gearbeitet, ähnlich dem Aquarell aufgetragen, wobei sich im Malprozess die Farbe wasserunlöslich mit der Papieroberfläche verbindet. Eine Korrektur wird dadurch nahezu unmöglich. Die Spontaneität des Wirklichkeitszugriffs ist ihnen anzusehen.

Gleich hier in der Eingangszone überrascht uns Hohlbaum mit furiosen Akkorden. Es sind Hochdruckgebiete malerischer Freude.

Man sieht, wie der Künstler sich geradezu die Seele aus dem Leib gemalt hat, wie er erst Strukturen in Öl geknetet, einen Reliefgrund angelegt, dann geschabt, gekratzt, die Leinwand mit Ästen und Fußabtretern malträtiert hat, um ein Höchstmaß an Tastbarkeit, eine Material-Landschaft zu gestalten, die uns nicht nur bis in den Augenhintergrund heimleuchtet, sondern tatsächlich unsere Fingerspitzen prickeln lässt, dass man am liebsten in den Malschlamm greifen und sich von dieser Gute-Laune-Malerei umarmen lassen möchte.

Es ist dieses Gefühl driftender Pinsel-Grooves unter einer bevorzugt grellen, in Neon-Töne gleitenden Farbigkeit, die einen anspringt. In Sekundenschnelle ist man auf Betriebstemperatur – oder, wem das nicht behagt, abgetörnt auf Maxi-Distanz-Niveau. Solch eine Malerei genießt man als wunderlich erfüllte Gegenwart oder fühlt sich schlicht und einfach vertrieben Kraft eines unbändigen Malerpranken-Infernos.

Hohlbaum zieht tatsächlich alle Register. Er kann springen und tanzen, wie es ihm gefällt, er wahrt die Form. Rein ästhetisch lebt er expressiv nach innen. Was kein Widerspruch ist, eher von hohem Energiepotential und malerischer Lust zeugt.

Der Dreiklang, der uns in dieser aufrauschenden Schwelgerei umgibt, trägt die Titel „Entladung", „Königskobra" und „Abendhitze".

Es ist ein ekstatisches Hin und Her zwischen Gewitterfront-Erleben, Nebel-Gefühlen und Hitze-Koller – bruchlos mehrsätzig angelegt und variantenreich weitergeführt durch die anderen Bilder seiner aktuellen Produktion.

Wir bekommen Landschaften vorgeführt, die sich aus innerem Erleben nähren und gleichzeitig Entsprechungen zu Gesehenem haben.

Hohlbaum schöpft aus sich. In dem Hochdruckmodus, in dem er arbeitet, stellt er das Romantische und Idyllische in Frage.

Er reflektiert den Einfluss des Menschen auf die Natur, beleuchtet die Bedrohung der Natur und zugleich deren Widerstand und Wehrhaftigkeit.

Es gibt zwischen den Keilrahmen dicht orchestrierte, vielstimmige Klangflächen und wir werden erzählerischer Momente ansichtig, die Andeutungen von Urbanem, eingebaute Assistenzfigürchen sowie Tiere als Verweiszeichen implizieren.

Es ist eine Intimität im größten Maßstab, aber sie funktioniert.

Von einzigartigem Schauwert sind die Plastiken und Lichtobjekte von Marlies von Soden.

Sie faszinieren uns wegen ihrer aufwallenden, aber nichtsdestotrotz anmutigen, schwingenden Formen, die aussehen als wäre eine Robe à la Française plastiniert worden.

Man denkt an Rokoko-Gewänder und an versteifte Seide. Vielleicht auch an Wachs.

Aber das Material, mit dem Marlies von Soden diese höfisch-exotisch ausschauende Kollektion zum Leben erweckt, ist – Kunststoff: Polypropylen. Der allerdings nicht wie Kunststoff wirkt. Denn in der Art, wie er sich gibt, ist er luftig und fragil. Die Künstlerin lässt ihn mit Hilfe einer Maschine fertigen, einem Extruder – mal dicker, mal dünner, mit mehr oder weniger Farbe, mal wird nur die Schnittkante am Rand eingefärbt.

Immer wieder hat sie die Firmen wechseln müssen, weil die Extruder natürlich nicht für die Kunst produzieren, sondern für die Industrie.

Dass wir in den Genuss kommen, ihre Werke in dieser Galerie zu sehen, ist ein Glücksfall. Auf ihren leuchtenden Sockeln eröffnen sie skulpturale Möglichkeitsräume, die durch Licht- und Schattenbildung hinreißend gewichtslose Ereignisse kreieren – in milchigem Weiß, lachsfarben, rötlich, in einer langen Wellenlinie von Weiblichkeit. Drapierung und Fältelung bilden Überlagerungen und lassen Schattierungen entstehen.

Wie berückend die Federleichtigkeit der Objekte sein kann, sieht man gut an den großen zitronenfarbenen Fotografien an der Stirnseite des linken Galerieraumes.

Schwärmerisch schrauben sie sich als unerreichbares Ideal des Zarten horizontal oder vertikal in die greifbare Realität.

Marlies von Soden ist als Kostümbildnerin für Theater und Film tätig gewesen.

Sie hat künstlerisch mit Neopren gearbeitet, mit Tyvek (Polyethylen-Flies) und Phenolschaum.

In der Hand dieser Künstlerin werden aus den von ihr verwendeten Stoffen Formen, die für jeden Inhalt offen sind. Dieser Freiheitsaspekt bewahrt den Lichtobjekten das Spielerische.

Diese Lichtobjekte befinden sich in den unterschiedlichsten zeitgenössischen Sammlungen, beispielsweise in der von Madame Olivetti oder im Design-Museum von Robert Wilson auf Long Island.

Mit Blick auf das Lichtdurchlässige begreift man, dass gerade diese scheinbar regellose, willkürliche Wendelform eine vollendet reiche Form ist, die als attraktives Lichtobjekt in diverse Lebenszusammenhänge gerückt werden kann.

Sinnlicher kann die Stofflichkeit von Kunststoff wohl nicht überlistet werden, raffiniert kontrastiert von den Bildern von Roland Hohlbaum.

von Christoph Tannert


 

Roland Hohlbaum und Marlies von Soden

Roland Hohlbaum

Marlies von Soden