Sonja Edle von Hoeßle, Profil

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VITA

 

1960   geboren in Wiesbaden
    Studium der Visuellen Kommunikation
an der FH Mainz und FH Würzburg,
Fachbereich Gestaltung
1993   Diplom
    Gründung von "two hands" Metallmanufaktur
1996   Debutantenpreis des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst
98/99  

Atelierförderung des Bayerischen Kulturfonds

2000   Gründung von „riedenheim project" (mit Herbert Mehler)
2003   Kulturförderpreis der Stadt Würzburg
2008-11   Atelier in Berlin
    lebt und arbeitet in Riedenheim bei Würzburg und Kranidi, Griechenland

 




AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen

2015 / »Panta Rhei« Kulturzentrum TO FOUGARO Nafplion, Griechenland (mit Herbert Mehler)
2014 / »Parallelwelten«, Galerie Tammen und Partner Berlin (mit Gallery Weekend Berlin) Katalog (mit Herbert Mehler)
2012 / »sparkling elements«, Galerie Tammen und Partner Berlin, Katalog  (mit Joseph Kerscher) / »Elementarlandschaften«, Galerie Winter im Weingut Georg Müller Stiftung
2011 / »Sculptures et Peintures«, Atelier Archipel, Arles (mit Herbert Mehler)
2008 / »Elementares«, Galerie G, Heidelberg / »Flüstergrün«, Spitäle Würzburg, Katalog
2007 / »Iceland«, Galerie im Eduard Mörike Haus, Schwäbisch Hall / »drei x drei«, Artothek Krefeld
2006 / »Malerei, Zeichnung und Objekte«, Galerie der Sparkasse Mainfranken, Würzburg (mit Herbert Mehler)
2005 / »Lucy in the sky«, Galerie Schulgasse, Eibelstadt bei Würzburg
2004 / »Farbräume«, Lichtburgforum, Berlin / »Malarrif«, Kunstschiff Arte Noah, Kunstverein Würzburg, Katalog / »Farbräume- Farbkörper«, Kunst-Spektrum GKK, Krefeld
2001 / Galerie Senefelder 7, Würzburg
2000 / »Zeitspur«, Ars Musica, Aub
1998 / »Strichlagen und Endlosschleifen«, Galerie Schulgasse, Eibelstadt bei Würzburg
1997 / IHK Würzburg
1996 / Künstlerhaus Würzburg, Katalog

Gruppenaustellungen

2014 / ART Karlsruhe mit Galerie Tammen und Partner Berlin / Kunsttage Winningen Katalog
2013 / Galerie Landskron Schneidzik, Nürnberg
2012 / »Das kleine Format«, Galerie Winter, Wiesbaden / Galerie Tammen und Partner, Berlin / Galerie Landskron Schneidzik, Nürnberg
2011 / »That's what friends are for«, Neuer Kunstverein Aschaffenburg / Galerie G, Heidelberg
2010 / Galerie Landskron Schneidzik, Nürnberg
2009 / Galerie Tammen und Partner Berlin, Galerie GAULIN & PARTNER
2005 / »transparent - translucent«, IHK Würzburg
2004 / »Spione«, Aub (aus Anlass der 600-Jahrfeier der Stadt Aub) / »Zeit - Lupe«, Franck-Haus, Marktheidenfeld / »Acier«, Atelier JCD, Villainville / Le Havre
2001 / Große Kunstausstellung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Katalog
2000 / »Zeichenwende«, Franck-Haus, Marktheidenfeld / Große Kunstausstellung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Katalog
1999 / »Schöpfung-Mensch-Zukunft«, Dom zu Bamberg, Katalog / »Kunstbeirat«, Kunstschiff Arte Noah, Kunstverein Würzburg, Katalog / Große Kunstausstellung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Katalog
1998 / »Bayerische Kunst unserer Tage«, Nationalgalerie Bratislava, Katalog / Große Kunstausstellung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Katalog
1996 / »Tiepolos Erbe«, Otto-Richter-Kunsthalle, Würzburg
2008 — 2011 / antique & kunstmesse Düsseldorf mit Galerie G, Heidelberg ausstellungen / Exhibitions Auswahl / Selection


 

Parallelwelten.
Malerei und Plastik bei Sonja Edle von Hoeßle

Von verborgenen Verbindungslinien
In der Tat: Auf den ersten Blick scheinen sie nichts gemein zu haben. Die wohl durchdachten, präzise formulierten „Endlosschleifen" aus Cortenstahl und die geheimnisvoll‐wässrigen, einer Neo‐Romantik verschriebenen „Elementarlandschaften" in Öl auf Leinwand der in Wiesbaden geborenen Künstlerin Sonja Edle von Hoeßle. Auf den zweiten Blick jedoch offenbart sich ein im wahrsten Wortsinn faszinierendes „Paralleluniversum" von Stahlplastik und Malerei. Sowohl unter gestaltungstechnischen Gesichtspunkten als auch inhaltlich und rezeptionsästhetisch. Denn recht bald wird der Betrachter beider Kunstwelten gewahr: Hier gingen und gehen zur Erprobung und Findung einer markanten und zugleich rätselhaften künstlerischen Handschrift Malerei und plastisches Gestalten im künstlerischen Alltag im Grunde parallele Wege. Selbst einer Spurensuche gleich, deren viele Entwicklungsschlaufen zwar temporär auseinanderdriften, sich schwerpunktmäßig verlagern und mitunter sogar auf der Strecke bleiben. Dies allerdings nur, um sich schlussendlich doch wieder zu berühren, zu verschränken, eine inhaltliche und formale Klammer zu bilden.

Ihrem Werdegang nach, kommt die Malerin Sonja Edle von Hoeßle vom Gestalterischen und von der Skulptur. Schließlich studierte sie visuelle Kommunikation, also Grafik in Mainz und Würzburg. Sie zeigte erfolgreich ihre Zeichnungen und plastischen Arbeiten. Letztere anfangs Faltungen aus Stahl. Geöffnete Körper, verschiedene Ansichten von ein‐ und demselben Objekt. Später setzt sie mit dem plastischen Ausgreifen des an sich zeichnerischen Elements „Linie" in den Raum, markante Zeichen in Galerien, Museen sowie im öffentlichen Raum. Wobei sie ihre Stahlarbeiten als endlose Bewegungsspuren mit nach Volumen fordernder, tiefenräumlicher Entfaltung begreift, als „Lineare Plastik" und „Endlosschleifen". Dann stillt die Künstlerin mit ihrer zunächst abstrakten Malerei das „dringende Bedürfnis nach Farbe". Sie verlässt das Terrain der konkreten linearen plastischen Gestaltung, um sich hauptsächlich der Farbe als Material und deren Wirkungsästhetik zu widmen. In und mit diesen ganz eigenen, kontemplativ anmutenden Farbräumen forciert und bewahrt Sonja Edle von Hoeßle dennoch von Anbeginn das gestalterische Element. Weil sie mittels einer zur Perfektion getriebenen, diffizilen Farbschichtenmalerei Farbräume bzw. fantastische Naturwelten aufbaut, diese augenscheinlich plastisch moduliert und erlebbar macht. Und ‐ sogar wieder der Linie hier und da einen Darstellungsraum verschafft.

Interessanterweise kristallisieren sich beide künstlerische Ausdrucksformen, die Malerei und Plastik, als ein tatsächlich „in die Tiefe gehendes" Werk heraus. Weil sich von Hoeßles Farbräume als tiefe Räume und geheimnisvolle Seelenlandschaften erweisen und die Plastiken, so man diese als Chiffrenschrift liest, von Tiefenräumen erzählen. Dabei scheinen beide Kunstwelten derart mühelos und leicht daherzukommen, dass man sich als Rezipient dem „Wunderwerk" kaum mehr zu entziehen vermag, so sehr ist man im Bann des malerischen und plastischen Kunstraums gefangen. In beiden Fällen bleibt ein nicht entschlüsselbares Geheimnis der je individuellen Spuren‐ und Raumsuche, das nachhallt, fast greifbar scheint und sich dennoch wieder ins Diffuse verflüchtigt. Es lohnt medias in res zu gehen.

Vom Auflösen der Grenzen und Suchen nach Gestaltung.
Parallelwelt „Endlosschleifen"
Der Reifen eines Rades wird von den Speichen gehalten.
Doch das Leere darin ist das Sinnvolle beim Gebrauch. (...)
Aus Mauern durchbrochen von Fenstern, baut man ein Haus.
Aber der Leerraum, das Nichts macht es erst bewohnbar.
So ist das Sichtbare zwar von Nutzen,
doch das Wesentliche bleibt unsichtbar."
Laotse

Fokussiert man zunächst die plastische Arbeit, bietet die nähere Betrachtung der „Endlosschleife 04" und „Endlosschleife 05" einen eleganten Einstieg in diese rätselhaften Parallelwelten. Für deren Aufbau rekurriert die Künstlerin, wie in den meisten ihrer Stahlskulpturen, auf die Grundformen Gerade und gebogene Form, wobei die skulpturale Linienführung jeweils gezielt keinen Anfangs‐ und Endpunkt aufweist. In beiden Objekten hat Sonja Edle von Hoeßle das Wechselspiel von Spannung (gerade Linie) und Entspannung (Bogenform) in endlosen Fluss, in unaufhörlichen Bewegungsablauf gebracht. Dabei hat sie ihre Arbeiten so prägnant berechnet und exakt formuliert, dass sich das an sich massive Material des oxidierten Cortenstahls mit enormer Leichtigkeit und tänzerischer Finesse ins Leere und in sich selbst zurückschreibt. Nahezu musikalisch konkretisiert und wieder aufgelöst scheinen Bewegungsentstehung und ‐auflösung in eine Form und gleichermaßen zur Anschauung gebracht. Das Entscheidende: Auf „Unterschiedlichkeit bei Gleichheit", kommt es der Künstlerin an. Womit sie auf das Erscheinungsbild der skulpturalen Geste anspielt. Je nachdem, wie man die jeweilige Plastik stellt oder legt, kippt, dreht und wendet. Dass sich die Arbeiten selbst bewegen lassen und dann, ihrem je eigenen Gerüst gemäß, einer individuellen, fortgesetzten Rhythmik und einem jeweils anderen Tempo folgen, ist ein zusätzliches Überraschungsmoment in diesem plastischen Werk der inneren und äußeren Parallelwelten.

So gesehen, vollzieht ihre „Endlosschleife 04" zunächst die Bewegung zweier Bögen, die sich in je unterschiedliche Richtungen aufschwingen, wobei diese Schwünge durch zwei parallel angelegte, gerade Abschnitte aufgefangen werden. Die Künstlerin betont zunächst die Formfindung zweier gleichberechtigter Hälften, mittels gleichwertiger symmetrischer Erscheinung. Jedoch in der Figurenmitte ereignet sich eine optische Dreiteilung der Plastik, welche die vermeintlich ruhige Sehgewohnheit irritiert. Bildräume, ganze Raumordnungen, konkrete Vorortung und Verfestigung lösen sich auf. Das, was sich vor dem Betrachterauge formt, ist das buchstäbliche Durchkreuzen eines nur vermeintlich sicher geführten, zu taxierenden Blicks. Ein Wogenspiel, das Gestalt findet, um doch wieder andere Gestalt anzunehmen. Komplex, verdichtet und hoch kompliziert ‐ bei unfassbar leicht wirkender Erscheinungsform.

Einen anderen, für die Herausstellung von Parallelwelten essentiellen, Akzent setzt von Hoeßles „Endlosschleife 05". Konkret jenen einer musikalischen „Fermate", wenn man das Objekt als körperhaft gewordene Strukturästhetik des Unaussprechlichen erkennt. Die Fermate muss, so betrachtet, im Sinne einer bewussten Pause verstanden sein. Im Sinne des gewollten Innehaltens. Als Ausdruck eines stimmungsgeladenen Augenblicks. Die Bewegungslinie beschreibt zunächst einen großen Bogen, der von einem markanten Zacken, einer scharfen Dreiecksform geführt und gelenkt wird. Die Arbeit pendelt zwischen der Inszenierung von gleichmäßiger Ruhe und extremer Bewegung. Wobei in einer bestimmten Ansicht der Zacken direkt in der Mitte des Kreissegments zum Stehen kommt, um von dort aus eine Richtungsänderung, eine andere Geschwindigkeit einzuleiten und letztlich wieder ausholend auf das Pausenmoment zurückzuführen. Spannenderweise markiert diese Bewegungslinie so etwas wie den „Zeitpunkt der Erkenntnis", beschreibt die Form eines kunstvollen Augenblicks und transzendiert, aus einer solchen Sicht, die Bewegung ins Überzeitliche, wenn nicht gar Unzeitliche. 

Parallel dazu spielt immer der sich zwischen den einzelnen „Endlosschleifen" ausbreitende, die Geste umschreibende, diese einfangende oder in unendliche Tiefen fortsetzende, unsichtbare Raum, das Raumvolumen, eine gewichtige Rolle. Vielleicht ja sogar die wichtigste, die „tragende" innerhalb der Gesamtkomposition, auch wenn er dies konstruktiv nicht leisten kann. Denn Sonja Edle von Hoeßle hat sich nicht von ungefähr in ihrer bildhauerischen Kunst einer sublimen Raumsuche verschrieben, die sich wohlberechnet und gekonnt an der Grenze zur Immaterialität bewegt. Nicht zuletzt weil sie in ihren raumplastischen Skulpturen die Linie als Bewegung im Raum zum Dreh‐ und Angelpunkt des nur erahnbaren Raumvolumens macht, offenbart sie jene formbildende Weisheit Laotses: Dass das „Sichtbare zwar von Nutzen" sei, „doch das Wesentliche (...) unsichtbar" bleibe. In einem solchen plastischen Werk materialisieren sich nicht nur parallele Gestaltungs‐ und Rezeptionswelten, sondern zeigen sich regelrecht grenzgängerische, Grenzen übergreifende und Grenzen auflösende Phänomene. Exakt an dieser Stelle muss die Parallele zur Malerei gezogen werden, denn auch Sonja Edle von Hoeßles „Elementarlandschaften" sprechen diese Formsprache ‐ in einer zur Meisterschaft gebrachten Bildsprache.

Vom Gestalt finden zum Gestalt werden.
Grenzgängerische Parallelwelt „Elementarlandschaft"
„Die inneren Erscheinungen gehen auf in dem Kreise,
den die äußeren um uns bilden
und den der Geist nur zu überfliegen vermag
in dunklen geheimnisvollen Ahnungen,
die sich nie zum deutlichen Bilde gestalten."
(E.T.A. Hoffmann, Die Serapionsbrüder)

Mit Sonja Edle von Hoeßles Ölgemälden, ihren „Elementarlandschaften", befinden wir uns an der Schwelle von abstrakter zu gegenständlicher Malerei. In dieser Parallelwelt, hin‐ und heroszillierend zwischen Materialbild sowie erahn‐ und erkennbarer Darstellung, bleibt alles in Grenzen auflösender Schwebe. Nicht zuletzt, weil der Kunstbetrachter eine andre Art der Bewegung verfolgt: Die der Farbe im Fluss. Hier wandert sein Blick über alle Spielwiesen des wässrigen Elements. Zu allen Tages‐ und Jahreszeiten. Von „dusk" zu „dawn". Von „springtime" zu „New Years day". Mit Wasser in all' seinen verschiedenen Aggregatszuständen. Und damit oft an feucht‐nassen Regentagen („summerrain") oder im klirrend‐kalten Winterwald („white valley"). Hier taucht er ein in Natur, in ihren wundersamen, schemenhaften Erscheinungen. 

Meist bewegen wir uns in diesen mystisch anmutenden, oft nebulösen Welten an Ufern von Flüssen, Seen, Meeren. Immer schauen wir über das Wasser in tiefe, buchstäblich „traumhafte" Innenräume. Damit befinden wir uns an der Grenze. An der Marginalie vom Außen zum Innen. Und sehen uns so vor und in märchenhaft heraufdämmernde Seelenlandschaften versetzt. Dabei meinen diese (einer fantastischen, absolut zeitgemäßen Neo‐Romantik verpflichteten) Wasserwelten konkrete Farbwelten und machen mit schlafwandlerischer Sicherheit bewusst und offenkundig, worum es der Malerin als Bildhauerin im jeweiligen Gemälde geht: Um eine unendlich variantenreiche Auseinandersetzung mit Farbe. Verstanden als Material und als die Wirkung ihrer Materialität.

Dazu hat Sonja Edle von Hoeßle in ihrer Bildwelt eine diffizile Farbschichtenmalerei im Gewand einer sinnlich‐poetischen Handschrift zur Perfektion gebracht. Es ist dies eine ganz eigene, malerische und plastischen Technik aus gebauten und aufgelösten Bildvorder‐ und Hintergründen, indem sich via Farbüberlagerung, Farbdurchdringung und Farbfreilegung, tiefe Räume und mehrdeutbare Bildebenen substantiellen „Frei‐Raum" verschaffen und visuell erlebbare Innenwelten aufbauen. Malerei versteht die Künstlerin dabei als Prozess. Arbeitet oftmals parallel an mehreren Leinwänden, um verschiedene Farbklimata und Lichtwerte entstehen zu lassen oder heraus zu modellieren. Lässt mit der Technik des „Drippings" Farbe über die Bildflächen regnen. Dreht und wendet oft bei der Weiterarbeit das einzelne Artefakt. Hält die Ölfarbe meist „flüssig, arbeitet in dünnen Lagen, setzt Terpentin und andere Verdünner ein, durchscheinend, selten deckend, nass in nass ebenso gut wie auf getrockneter Farbschicht"
(Marlene Lauter). Der Effekt ihrer Ölmalerei, die bewusst Grenzen aufweicht und mittels des Terpentins dem Material das Konkrete zu nehmen trachtet: eine aquarellhaft leichte, luzide Anmutung. Trotz der vielen dicken Malschichten und Herausschälungen, Kratzspuren und Übermalungen, mit Pinseln aller Stärken, Malmessern, Spachteln. 

„Stehen lassen. Offen lassen. Verbinden und Verschließen. Entdecken und Erahnen" lautet von Hoeßles künstlerisches Credo. Womit die bereits in ihren „Endlosschleifen" virulente formale Themenstellung, nämlich exakt „Entstehung und Auflösung parallel zur Anschauung zu bringen", verdichtet scheint und gerade in ihrer bemerkenswert eigenständig atmosphärischen Malerei gelöst. Spannenderweise hat sich in dieser per se abstrakten Bildwelt gerade über den Weg der beschriebenen Formfindung Konkretes herauskristallisiert. Häuser und Giebel, Treppen und manchmal Schiffe. Als Spuren der Zivilisation und Bedeutungsträger, in der an sich auf den ersten Blick unbelebten Natur. Konsequenterweise immer nur angedeutet. Grafisch anzitiert. Nie ausformuliert. In dem Großformat „winters delight" habe sich beispielsweise „zufällig während des Experimentierens mit Farbstimmungen das grafische Element der Linie, im Form einer Dachkante, in den Malprozess eingeschrieben", erklärt Sonja Edle von Hoeßle ihre malerische Erkundung des Bildterrains ‐ mit schneebedeckter Waldzone, vor sonnig angestrahlten Bergkuppen am Horizont und einer Verortung hinter einem tiefen, eisig‐zugefrorenen Wintersee.

Faszinierend auch, dass gerade über die Fragestellung der Gestaltens, wirkliche „Gestalten" werden, Figurenähnliches regelrecht Gestalt annimmt, in jener elementaren Natur. In „lake II" und „long river" meinen wir zunächst noch unbelebte Landschaftsausschnitte vor uns zu sehen. Beide Male festgehalten als Blick über ein unergründliches Gewässer, mit dahinter liegendem tiefen Wald. Dass sie seelenvoll sind, erahnt man als Rezipient, selbst wenn man es nicht mit der berühmten Elementenlehre des Arztes und Alchemisten Paracelsus hält: Nämlich dass Wasser, Erde, Feuer und Luft Wesenheiten innewohnen, die sich, so will es das Naturgesetz, in jenes Element zurückverwandeln müssen, aus dem sie kommen, wenn sie sich auf einen untreuen Menschen einlassen. In „lake II" lässt sich eine solche Naturgestalt im Baumgewächs im Bildhintergrund vermuten. In „long river" in den stehen gebliebenen, tropfenartigen Malgesten in der linken, hinteren Bildzone. Jene noch schemenhaften Erscheinungen materialisieren sich in den Werken von vermuteten, traumhaft heraufdämmernden Randerscheinung des Malaktes, zu Randfiguren in „Mittsommer" oder „winters delight II" und werden körperhaft als mittig platzierte Rückenfigur in „long way home".

Eine jüngste Entwicklung der Malerin ist das tatsächlich in ihrem Werk „Wogenspiel" als Mädchen decodierbare Geschöpf, das im Bildhintergrund als Grenzgänger in eine andersartige, geheimnisvolle Welt, wie durch einen Vorhang hindurch, einzutreten scheint. Hier hat Sonja Edle von Hoeßle all' ihre Formensuche und Formensprache aufs intensivste komprimiert: In einem unwirklich erscheinenden, irrisierend leuchtenden Farbklima ballen sich grafische Momente in einem Auf und Ab. Flächiges und Durchbrüche wogen hin und her. Freie Strukturen, Aufhebungen, Davor und Dahinter werden sichtbar. Weichen Grenzen auf. Löst sich Figuration von Abstraktion, löst sich Konkretes in Abstraktes und fließt alles im märchenhaften Taumel der unterschiedlichsten Farb‐ und Lichtwerte vor tiefem Wasser wieder in eins. 

Immer ist zur gelingenden Rezeption dieser in sich verschwimmenden Parallelwelten der Anteil des Betrachters gefordert. Immer unser individuelles Sehen. Das glaubt sich zu erinnern, schon zu kennen, dagewesen zu sein. Ganz wie die Malerin selbst, die ihre Landschaften erfindet, ohne Skizzen, Aufzeichnungen, Festgefahrenes. Bleibt nur angesichts dieser letzten Endes ungreifbaren Parallelwelten der große romantische Maler Caspar David Friedrich zu zitieren: Dessen Bonmot selbst beim Sich‐Versenken in Sonja Edle von Hoeßles spannende, zeitgenössische Kunst in zeitlose und zeitgemäße Sphären dringt: „Schließe dein leibliches Auge, damit du dem geistigen Auge zuerst siehest Dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke auf andere von außen nach innen."
Dr. Melanie Klier