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Carsten Probst Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Heike Jeschonnek und Lothar Seruset in der Galerie Tammen Berlin, 20.10.2017

Weder Heike Jeschonneks noch Lothar Serusets Werk basieren auf Theorien, die zu ihrer Erklärung unerlässlich wären und die in einem Text oder durch eine Einführung wie eine Gebrauchsanleitung mitzuliefern wären. Doch selbsterklärend sie beider Arbeiten auch nicht. Beide operieren mit einer hinter-, bisweilen abgründigen Auffassung von Realität. Auch wenn – oder gerade weil – sie sich mit vielen wiedererkennbaren Elementen scheinbar an einen geläufigen Sinn von äußerer Realität heften, wirken sie andererseits so rätselhaft und vieldeutig.

Beide erzählen Geschichten. Beide erzählen sie nie ganz zu Ende. Sie lassen den Betrachter, wenn er sich darauf einlässt, sie für sich selbst weitererzählen. Es liegt wiederum in der Natur dieser Geschichten und ihrer Komplexität, dass sie eigentlich niemals ganz auserzählt werden und letztlich nur in Fragen münden können, nicht in abschließenden Feststellungen oder Gewissheiten; dass sie nie allein von dem Werk erzählt, sondern vom Betrachter oder der Betrachterin weitergedacht werden können.

Bei Heike Jeschonneks Bildern, die wir hier sehen, sind es oftmals scheinbar alltägliche Erfahrungen oder Beobachtungen, die sie zu ganz grundsätzlichen Fragekomplexen ausformuliert. „Wie wir leben wollen“ lautet der Titel einer aktuellen Serie, in der exemplarisch das Thema der Stadt, der Stadtlandschaft und des Verhältnisses zur Natur wiederkehrt und die Vorstellung, wie weit sich die gebaute Zivilisation von der Natur entfernen will. Das Thema erscheint bei Jeschonnek weniger, wie mitunter in der Gegenwartskunst, als Ironie oder Dystopie, vielmehr als stille, mitunter pittoresk-bukolische Vision einer Natur, die sich die überbauten Flächen allmählich zurückholt und die Stätten der Zivilisation eines Tages wieder erobern und überdecken wird. Die Figuren, die sie in diese von Natur eingenommenen Stadtlandschaften hineinsetzt, sind die personifizierten Fragezeichen: Wie verhält man sich zu dieser Vision? Ist sie bedrohlich oder eher eine Verheißung? Lieben wir die funktionierende Stadt, oder haben wir Sehnsucht nach einer Zäsur, nach dem Ausstieg aus dem sogenannten Fortschritt? Zurück zur Natur?

Orte, markiert durch Architektur, durch Innen- und Außenräume, haben auch schon in früheren Werken Jeschonneks eine große Rolle gespielt, ebenso ihre Konfrontation mit überdimensionalen pflanzlichen und auch ornamentellen Motiven. Das Ornamentelle, so sagt sie, entspricht der Weise, wie der Mensch durch Architektur die Welt gestaltet. Architektur ist in ihren Bildern weit mehr als nur Gebäude, es sind Lebenswelten.

Oft genug scheinen die Umgebungen innere Zustände der Figuren spiegeln, so als gäbe es eine direkte Beziehung zwischen psychischem Innen und realem Außen und als sei dabei auch die äußere Welt eigentlich so etwas wie eine Seelenlandschaft, wie man sie dem Prinzip nach schon aus dem Barock, vor allem bei Rubens, insbesondere aber aus er Romantik kennt. Solche inneren Landschaften verhalten sich nicht nach optischer Logik und Ordnung, in Jeschonneks Bildern scheinen sie mitunter kulissenhaft zurückzutreten und zu verblassen, während andere Elemente sich überraschend in den Vordergrund drängen und die Regeln der Perspektive und physikalischen Gesetze außer Kraft setzen.

Die Figuren in der Serie „Wie wir leben wollen“ verkörpern eine gewisse Unschlüssigkeit, indem sie wie auf großen Bühnen stehen oder sitzen, ohne erkennbar zu handeln oder zu miteinander zu interagieren. Sie erscheinen wie eingewickelt in die Umgebung, sie sind immer Teile eines größeren Zusammenhangs, der sich aber nicht eindeutig bestimmen lässt. Oft sind es oft junge Frauen, in anderen Bildern auch noch heranwachsende, und die Beobachtung des Heranwachsens ihrer eigenen Kinder hat, so erzählt es die Künstlerin, oft den Anlass dafür gegeben, sich die Frage zu stellen, in welche Welt man heute als Jugendlicher eigentlich hineinwächst. Die jüngste Serie „Knoten lösen“ schließt an dieses Thema an, fällt gleichwohl formal buchstäblich aus dem Rahmen, weil sie sich auf jugendliche Einzelfiguren konzentriert, ohne Umgebung, nur vor monochromen Hintergründen und mit verschiedenen leichter oder schwer zu lösenden Knoten, die symbolisch für die kommenden Lebensaufgaben stehen.

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Es gibt ein formales Element, das das Werk von Heike und Lothar miteinander zu verbinden scheint, auch wenn sie es höchst unterschiedlich anwenden. Ich würde es zunächst einmal mit aller gebotenen Vorsicht als ein Vorgehen bezeichnen, für den man sich einmal den Begriff der Kollage ausborgen kann, Kollage in dem Sinn, dass verschiedene Bildelemente oder Bildebenen miteinander kombiniert werden, die scheinbar nicht ursprünglich zusammengehören, sich hier aber eben doch zu einer ganz eigenen Ästhetik miteinander vereinen.

Die Kollage wurde erfunden, um wiedererkennbare Bestandteile von Bildern als Fragmente wieder zu einem neuen Bild zusammenzufügen. Wobei es die einen Künstler gab, vornehmlich unter den Dadaisten, die dabei gerade die Brüche zwischen den zusammengefügten Fragmenten sichtbar halten wollten. Andere aber wie beispielsweise Max Ernst verwendeten viel Mühe darauf, die Brüche zu kaschieren, er fotografierte beispielsweise die Oberflächen dieser Kollagen ab und kaschierte auf dieser neuen Abbildung die Bruchlinien zu, dass tatsächlich der Eindruck einer ganz eigenartigen neuen Komposition entstand, die so ganz anders aussah als bisherige Erfindungen der menschlichen Fantasie.

Bei Heike Jeschonnek erahnen wir oft Fotografien als Ausgangsmaterial für ihre Bildideen. Diese kombiniert sie mit Elementen der Zeichnung und der Gravur, oder besser des kolorierten Reliefs oder des Einkerbens in eine Wachsschicht, in die sie die Zeichnungen einträgt, dann teilweise noch weitere Wachseben auf den vorhandenen Einritzungen hinzufügt. Das ist nicht nur mittlerweile ein Wiedererkennungsmerkmal ihrer Arbeit geworden. Es führt dazu, dass wiedererkennbare Figuren, Architekturen, Innen- und Außenräume oder andere Bildelemente verfremdet erscheinen, mitunter traumartig oder fantastisch oder auch mit einer geradezu unheimlichen Anmutung.

Bei Lothar Serusets Skulpturen oder Zeichnungen und Holzschnitten finden sich ebenfalls häufig Bildelemente, Häuser und eine Vielzahl anderer Gebilde, die auf Fotografien zurückgehen und sich mit Figuren kombinieren, die in Zeichnungen entstehen, wie im Endeffekt oft dann auch die gesamte gestapelte Zusammenfügung auf zeichnerischen Prozessen basiert und letztlich aus den so merkwürdig oder sogar komisch erscheinenden Zusammenstellungen organisch geformte Szenerien entstehen lässt.

Nicht immer, aber oft ist bei Heike Jeschonnek das Wachs oder Paraffin, das wie ein Amalgam die unterschiedlichen Bildelemente miteinander verbindet.

Bei Lothar Seruset ist es ein fortlaufender Prozess von der Zeichnung zur Figur im Raum, der am Ende die schlüssige Figur erzeugt.

Nun ist es aber bei Lothar Seruset nicht eine Landschaft oder eine architektonische Umgebung, die, wie bei Jeschonnek, die Figuren einwickelt und in gewisser Weise determiniert. Bei Seruset stehen die Figuren frei und verteilen die Welt sozusagen um sich herum, sie sind der zentrale Teil der Wahrnehmung, an ihnen zeigen sich Haltungen, Zustände, Ungewissheiten im Umgang mit merkwürdigen und wechselnden Attributen, mit denen sie schicksalhaft verbunden zu sein scheinen. Sie erinnern mit ihren Attributen mitunter an Heiligenfiguren, nicht die edlen, grazilen Heiligenfiguren zwischen Hochgotik und Barock, sondern eher an die ebenso erdigen wie fantastischen Heiligen der Romanik.

Oft wirken sie alles andere als sicher in ihrem Stand, sie schwanken, taumeln, balancieren, bewegen sich in mitunter prekären Haltungen und fühlen sich offenkundig auch nicht unbedingt wohl, wie jener nachdenkliche Mann, der zwischen zwei Haufen aus Totenköpfen eingespannt ist. Jerusalem, eine installative Arbeit aus jüngster Zeit, zeigt sechs Männer und eine Frau mit Kind jeweils als Mittelteile einer Dreierkombination aus Tier, Mensch und Gebäude.

Trefflich lässt sich darüber spekulieren, ob eine solche Dreierschichtung womöglich die Conditio Humana veranschaulichen soll zwischen der animalischen und der geistigen Bestimmung des Menschen. Bei den Gebäuden handelt es sich ja um Synagogen, Kirchen und Moscheen – einanders formal ähnliche Baukörper als Symbole des gemeinsamen geistlichen Erbes im Sinn von Lessings Ringparabel, könnte man meinen. Andererseits aber trägt eine Figur auch ein Boot auf dem Kopf und eine andere eine Baracke, die Assoziationen an Orte der Vernichtung weckt. Nimmt man jedenfalls den Titel der Installation hinzu, „Jerusalem“, so unterstreicht diese Arbeit, dass es in Lothars Werk zur Darstellung einer Stadt oder einer Landschaft nicht eines Bildes einer Stadt oder Landschaft bedarf, sondern dass diese Stadt und ihre Geschichte und Bedeutung von den Figuren her gedacht und erzählt werden kann.

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Bei Lothar Serusets Arbeiten, so sagten wir eben, steht oftmals ein zeichnerischer Prozess am Beginn – weniger als Entwurf für ein fertiges Gebilde, denn als Prozess von Ideen für Einzelelemente, die sich allmählich zusammensetzen, im Raum als Skulptur erprobt werden können oder als Zeichnung, in der einzelne Elemente ausgetauscht und verdichtet werden können, ohne, und das ist wichtig, bereits eine feste Vorstellung von einer Kombination bestehen muss.

Heike Jeschonneks Vorgehen lässt sich demgegenüber eher mit dem einer Theaterregisseurin und Bühnenbildnerin vergleichen. Sie scheint von Szenen oder Szenerien auszugehen, deren Inszenierung einer klaren ersten Eingebung folgt. Immer wieder löst sie die linearen erzählerischen Zusammenhänge einer solchen Szene durch Verfremdung auf. Auch wenn man als Betrachter möglicherweise alle Einzelelemente einer Szene wiedererkennt, gelingt es doch kaum, sie ganz zu entschlüsseln und sich ihrem traumartigen Schweben zu entziehen.

 

Matthias Reichelt: Rede zur Ausstellungseröffnung von Sabine Ostermann und Lothar Seruset am 19.6.2015 bei Galerie Tammen und Partner

Sehr geehrte Damen und Herren,

In dieser Ausstellung mit Linolschnitten von Sabine Ostermann und Holzskulpturen und -reliefs von Lothar Seruset finden Sie Motive, die sich mit dem Leben in der Gegenwart befassen, und dennoch keineswegs einem punktgenauem Realismus folgen, sondern über den Tag hinaus philosophische Betrachtungen über Gegenwartsbezüge provozieren. Allegorisch, ironisch und humorvoll, aber auch mit philosophischem Ernst und dennoch spielerisch, animieren beide Künstler die Betrachter auf sehr unterschiedliche Art, sich mit Fragen unseren allen Tuns und Seins zu beschäftigen.

Beiden gemeinsam ist die auf Subtraktion beruhende handwerkliche Arbeit. Durch gezielte und sukzessive Wegnahme, durch Fräsen, Schneiden, Schnitzen, setzen sich die eingekerbten Linien, die herausgearbeiteten Partien zu Bildern und zu den skulpturalen Formen zusammen. Die Farbgebung steht bei beiden jeweils am Ende des Schaffensprozesses. Materialbedingt entstehen bei Seruset massive Skulpturen und Reliefs und bei Ostermann reliefartige flächige Bilder.

Sabine Ostermann hat als bildende Künstlerin sich anfangs der Grafik verschrieben und Radierungen gefertigt. Seit geraumer Zeit arbeitet sie ausschließlich mit dem Material Linol und hat dazu beigetragen, eine – ungerechtfertigt als altertümlich verkannte Technik – wiederzubeleben. So, wie es völliger Blödsinn war – ich sage dies bewusst in dieser Drastik – immer mal wieder aufgrund modischer Trends, den Tod des Tafelbilds zu verkünden, genauso deplatziert ist es, irgendeine künstlerische Technik als passé zu deklarieren. Die Künstler sind da klüger als viele Kuratoren oder Kunstkritiker und finden ihren eigenen Weg zu „ihrem“ Material. Und, was Wunder, es entstehen immer wieder ganz neue Annäherungen an Material und Medium. Dies gilt auch besonders in Hinblick auf Sabine Ostermann, die den Linolschnitt eben nicht für einen anschließenden Druck nutzt – von anfänglichen Versuchen abgesehen – sondern ihn als Unikat bearbeitet und ausstellt. Dafür verwendet sie keineswegs die üblichen, im Kunstbereich gebräuchlichen hellbraunen Linolplatten, sondern die Industrieware, die als Bodenbelag und in vielen Färbungen produziert wird, auf die die Künstlerin ganz bewusst zurückgreift. Zusätzlich bearbeitet sie die fertig geschnittenen und reliefartigen Linolplatten mit Alkydfarbe, die sie mal mit dem Pinsel punktgenau aufträgt oder unter Einsatz von Lappen und Terpentin zu einem flächigen Unter- bzw. Hintergrund verwischt. Am Ende sind Sabine Ostermanns Werke Kombinationen aus Linolschnitt und Malerei. Hat sie in manchen früheren Arbeiten aus Linol geschnittene Figuren auf das Relief-Gemälde als zweite Ebene appliziert, und das Werk somit medial zu einer Assemblage erweitert, so ist die Künstlerin in letzter Zeit dazu übergegangen, alle bildgestalterischen Elemente in eine Linolplatte zu schneiden, womit die künstlerische und handwerkliche Herausforderung gestiegen ist. Als Vorlagen dienen oft Zeichnungen, besonders bei den großformatigen Werken.

Auf leichte, humorvolle Weise und mit ironischer Note komponiert sie ihre Beobachtungen aus einer Alltagswelt der Arbeit und des Konsums zu einem floralen oder ornamentalen und man könnte sagen: surrealen Realismus.

In dem Bild „Shopping“ von 2013 begegnen uns neun, Einkaufswagen vor sich herschiebende Männer und Frauen, die, wie in einer Endlosschleife gefangen, ihre Runden drehen. Weit und breit ist kein Ausgangspunkt und auch kein Endpunkt auszumachen, ist keinerlei Einkaufzentrum oder eine Mall zu sehen. Das Alleinstellungsmerkmal dieser Kombattanten im Bild, isoliert voneinander und dennoch verbunden in einer massenhaft betriebenen Aktivität, die zu den Grundlagen und dem Wesensmerkmal des kapitalistischen Systems gehören, könnte als Konsumkritik gelesen werden. Die Künstlerin isoliert die Fortbewegung des Kaufens oder Einsammelns von Waren und inszeniert diese als Kreislauf des ewig Gleichen. Nicht dass ich hier Sabine Ostermann eine grundlegende Ablehnung dieser Gesellschaftsformation unterstellen wollte, dennoch scheint sie diese Endlosschlaufe des Konsumismus mit einer gelassenen Skepsis und auch mit humorvoller Distanz zu betrachten. Wenn die Konsumenten auf ihrem hochformatigen und nicht in der Ausstellung vertretenen, aber im neuesten Katalog reproduzierten Bild „Beutezug“ (2014) von der Rolltreppe im oberen Teil des Bildes herabkommend nach unten rechts aus dem Bild laufen, und die „erbeuteten“ Waren wie Jäger verstauen, ohne miteinander Worte oder Blicke zu wechseln, so scheint die Atomisierung der Figuren, einzig verbunden im Gleichschritt der Apportation, den oben erwähnten Eindruck zu bestätigen.

Die in dem Bild „Expresszustellung“ von 2015 auf die Betrachter bedrohlich und fast aggressiv zurasenden Hunde mit Transportschlitten, beladen mit der fragilen Ladung von Schokoladenosterhasen, müssen dem Diktat des Konsumismus folgen, der sich den Jahreskalender mit allen Feiertagen einverleibt und viele Konsumanlässe wie Valentinstag, Halloween und dergleichen dazu erfindet. Im ewig gleichen Rhythmus sind somit Weihnachten und Ostern als ritualisierte Konsumanlässe Phänomene, denen man kaum entkommen kann. So auch die Schlitten ziehenden Hunde. Kaum sind die Weihnachtmänner passé, werden die restlichen eingeschmolzen und erstehen als Osterhasen wieder auf. Termingeschäfte unter Hochdruck! Sabine Ostermanns Bild kann als leicht garstiger Kommentar zu dem alljährlichen wiederkehrenden Geschenk- und Kaufzwangs-Trubel gelesen werden. Denn der hat so gar nichts von „Stille Nacht, heilige Nacht“ und lässt vor allem die Kassen statt Glocken süßer klingen.

Mancher wird sich noch an den Folklore gewordenen Reim erinnern, den Peter Rühmkorf in seinem Buch „Über das Volksvermögen: Exkurse in den literarischen Untergrund“ 1967 zitierte:

Stille Nacht,

Heilige Nacht,

Alles kauft,

Horten lacht.

Für die ganz Jungen im Publikum: Horten war eine u.a. aus Arisierung hervorgegangene Kaufhauskette des Peter Horten, die unter dem Namen bis in die 1970er-Jahre existierte.

Keineswegs stressfrei sind also solche Feiertage, gerade Weihnachten, die eine starke Belastungsprobe für die Familien bedeuten, soll doch Friede, Freude und Glückseligkeit herrschen. Folgt die Fassade noch diesem Anspruch, lauert kurz darunter blanker Hass und führt nicht selten zu den größten Familienstreitigkeiten.

In „WOLLEn-müssen“ von 2015 sind sieben Figuren in der Wollproduktion miteinander verbunden, ohne sich wahrzunehmen, wie es scheint. Es sind Kinder, die in verschiedenen Produktionsstadien der Wollherstellung tätig sind. Dieses Bild steht als Pars pro Toto für die übliche Kinderarbeit im Textilbereich.

Arbeit und berufliches Beziehungsgeflecht werden von Sabine Ostermann in ihren Werken als ornamentale Verbindung, als verschlungenes und in vielen Verzeigungen und Verästelungen miteinander verwobenes Netzwerk konstituiert. Das Ornament als Symbol der verschlungenen Wege von den Produzenten über den Vertrieb zu den Käufern. Trotz medialer Revolution sind die Distanzen unüberbrückbarer und intransparenter geworden und gerade hinter manchem teuren Label verbirgt sich die brutalste Ausbeutung, gerade auch von Kindern.

In „Networktrouble“ von 2015 ist das verschlungene Knäuel so unauflöslich verflochten und verknotet, dass das verzweifelte Ziehen an losen Enden keine Lösung, sondern nur zur Verhärtung, sprich Verknotung bis hin zur Unbeweglichkeit weiter vorantreiben wird. Hier ist kein kommunitäres Handeln beschrieben, sondern das isolierte, einsame und unkollegiale, allein auf egoistische Ziele gerichtete Vor-sich- Hinarbeiten. Welcome in der neuen Arbeitswelt, mit neuen Medien und größerer Vereinzelung, wo Solidarität nahezu unmöglich wird.

Sabine Ostermann ist eine aufmerksame Beobachterin von Menschen im Alltag. Die beobachteten Szenen komponiert sie mit anderen und neuen Elementen und geriert daraus wunderbar erzählende Bilder. Dem bislang nicht fertiggestellten Berliner Flughafen Willy Brandt widmet sie gleich zwei große Arbeiten. Auf der unbenutzten und für den Verkehr gesperrten Landebahn geben sich die Kaninchen ein fröhliches Stelldichein. Die Anregung erhielt sie durch ein Zeitungsfoto. Wann die Lande- und Startbahn und damit der ganze Flughafen eines fernen Tages in Betrieb genommen werden können, und die Tiere vor dem Lärm der an- und abfliegenden Maschinen das Weite suchen müssen, steht in den Sternen.

Bei Lothar Serusets Skulpturen sind die Menschen und Dinge zu Säulen aufgetürmt, aufeinandergeschichtet, und es entstehen visuell vertikale Beziehungen. Sind die Reihenfolgen des Auftürmens und der Schichtung zeitlicher oder inhaltlicher Art? Sind es womöglich Hierarchien der Wertung? Die Skulpturen evozieren existenzielle Fragen und breiten sich im Kopf der Betrachter zu essayistischen Bildern von Menschsein, Natur und Gesellschaft aus und erweitern damit die Skulptur unsichtbar in eine horizontale Epik. Das klingt merkwürdig, aber die Betrachtung setzt ja meistens bei dem eigenen Leben, der eigenen Zeit und Epoche an.

Lothar Seruset, der zurzeit unter Hochdruck an einer großen Franz-Josef-Strauß-Skulptur für den gleichnamigen Flughafen in München arbeitet, liebt es, die menschlichen und auch tierischen Figuren in einem Balanceakt zu zeigen. Ob sie auf einer Kugel, die jeden Moment durch eine unachtsame Bewegung ins Rollen geraten kann, oder in einem Boot stehen, das sich ebenfalls auf die eine oder andere Seite neigen könnte, die Position ist immer eine fragile. Seine Skulpturen wirken wie komprimierte Philosophie. Sie fordern uns geradezu heraus, uns in der Welt zu positionieren, zu verorten und dem großen Ganzen auf die Spur zu kommen. Ob dies mit Religion, welcher auch immer, geschieht, oder mit einem ganz anderen, eher weltlichen Ansatz, bleibt den Betrachtern überlassen. Lothar Seruset schreibt keine Interpretation vor, er will auch nicht vordergründig politisch wirken, oder uns eine bestimmte Sicht auf die Verhältnisse aufzwingen.

Oben – Unten, das könnte eine Achse sein zwischen dem Mensch, seinem Ursprung und dem was wir gemeinhin als Göttliches oder Gottheit über uns vermuten. Die Achse könnte aber auch einen evolutionären Prozess bedeuten, oder eine Geschichte der Menschheit mit allen ihren Leistungen, Fehlern und vor allem den unzähligen Kriegen. Denn besonders die Arbeiten, die Figuren balancierend auf Schädelhaufen zeigen und selber noch aufgetürmte Schädel auf dem Kopf tragen, verweisen sowohl auf die Vergänglichkeit des Menschen und antizipieren die vielen Toten, die der Zahn der zukünftigen Zeit fordern wird. Ein ganzheitliches Bewusstsein deutet sich hier an, das uns nicht nur in lokalen Verhältnissen begreifen will, sondern uns als Teil des Ganzen sieht, als Partikel eines globalen und universalen Systems. Fragen von Entwicklung, Fortschritt, weiter, schneller und höher, sowie des Verlusts von einer Verbundenheit mit Welt aufgrund eines höheren Egoismus, einer stärkeren Isolation, liegen hier ebenso auf der Hand wie bei Sabine Ostermann.

Lassen Sie mich an dieser Stelle Ernst Bloch zitieren, der nach wie vor hoch aktuell ist:

„Man ist mit sich allein. Mit den anderen zusammen sind es die meisten auch ohne sich. Aus beidem muss man heraus.“

Vielleicht aber ist gerade bei der Einrahmung des Menschen durch die Schädel, eine andere und härtere, weil unversöhnlichere, misanthropischere und anklagendere Konnotation intendiert. Steht hier nicht im Fokus die Spezies Mensch, die als „Master Of War“, wie es bei Bob Dylan heißt, in unzähligen Kriegen millionenfache Morde beging und höchstwahrscheinlich auch in Zukunft zu verantworten haben wird? Doch Lothar Seruset will nicht politisch belehren oder missionieren, anscheinend will er lieber Fragen stellen, und uns zum Nachdenken bewegen. Es ist unsere Aufgabe, die von ihm aufgetürmten Elemente in Reihung zu setzen und daraus eine Erzählung zu formen. In diesem Sinne sind wir eingerahmt von vergangenen Toten und den zukünftigen Toten, wenn wir die Zeitachse über uns hinaus weiter ausdehnen.

Doch zu Säulenheiligen können die Menschen gewiss nicht taugen, auch wenn sie bei Seruset auf den ersten Blick so erscheinen könnten.

Denn der Mönch, der zwecks Verehrung und Nähe zu Gott eine Zeit alleine und in völliger Askese sein Leben auf der Säule gefristet haben soll, wird wohl eher die Ausnahme als die Regel gewesen sein, auch wenn es in der griechischen Mythologie Vorläufer gab.

Lothar Seruset positioniert ausgerechnet einen König auf einer Doppelsäule. Teuflischerweise sind es gerade die Twin Towers, in die sich am 11. September 2001 zwei Flugzeuge bohrten, die angeblich von einigen teppichmesserschwingenden Fanatikern entführt worden waren. Wie brüchig die „Säulen der Moderne“, die riesigen ökonomische Macht symbolisierenden Architekturen der mächtigsten Nation der Welt sind, konnten wir alle rund um die Uhr wochenlang in Endlosschleifen auf den Bildschirmen sehen. Die Säulen stehen nicht mehr, und was wurde mit dem König, der bei Seruset zu sehen ist? Ist er mit den Türmen untergegangen? War es der König namens Hybris, der glaubte, alles beherrschen und kontrollieren zu können, ohne den Zorn anderer auf sich zu ziehen? Danach war jedenfalls vom Ende der Geschichte die Rede. In Wirklichkeit ging die Geschichte weiter und hat als Rache für die 3000 Toten der Twin Towers das Leben von Hundertausenden in vielen Ländern gekostet. König Hybris hat überlebt und wird die Menschheit wohl weiterhin begleiten. Ich frage nochmals: Taugt der Mensch zum Säulenheiligen? Ich denke, nein.

Der Mensch in Lothar Serusets Werken kann auch eins werden mit seiner Arbeit, so scheint der Fischer völlig beseelt von den Fischen, die er auf dem Kopf trägt. Deutet sich hier eventuell ein ausgewogenes harmonisches Verhältnis an zwischen Mensch und Natur? Und was ist mit der männlichen Figur, die Kopf steht und auf deren Füßen wiederum die Welt und darauf das Hausschwein die Balance halten? Wer hat sich hier wem untertan gemacht? Vielleicht aber hat sich der Mensch hier genügsam und in gespürter Verantwortung sowie gleichzeitiger Ohnmacht völlig den Verhältnissen ergeben, deren Untertan er nunmehr ist?

Wie Sie sehen, ließen sich viele Fäden aufnehmen und Geschichten spinnen aus den unterschiedlichen Figurenkonstellationen, mit denen uns der Bildhauer konfrontiert.

Lothar Seruset liebt die Erzählungen, die auf eigener Beobachtung basieren und zieht diese der kunsthistorischen Betrachtung und Analyse vor, was seinem Katalog von 2012 anzumerken ist. Dort beschreibt der Autor Carsten Probst seinen Weg mit dem Kanu durch die Natur und entlang verlassener Höfe und Dörfer hin zu dem Hof des Künstlers, wo dieser neben der Restaurierung des Hofes seiner künstlerischen Arbeit nachgeht.

Im selben Katalog formuliert Seruset in einem Text zwei Passagen, die Ihnen seine künstlerische Haltung nahe bringen und ich deshalb hier zitiere:

„ ... immer hat mich der Ausdruck interessiert, hat die Farbe eine Rolle gespielt. Und das Material. Um es so zu sagen, dass es einen berührt. ... Und nun wieder im Atelier, noch voll von dem gestrigen Abend, siebenmilliarden Menschen, wie soll das gehen, der Atem, und der Hunger, die Gier, die Katastrophen. Da hast du den argentinischen Rotwein getrunken, der aus getrockneten Rosinen gekeltert wurde, der dich schwer und leicht macht, hast den Mädchen zugesehen, wie sie sich kichernd über den Vater lustig machen, und immer den Fernseher im Blick haben, der eine Spielshow zeigt mit einer Popdiva, die interviewt wurde, nachdem sie ihren Song gesungen hatte, die müssen sie sehen, die ist total gut, und schau, wie die lacht, lachten die Mädchen, während du dachtest, noch leben sie in einer heilen Welt. Das war gestern, jetzt ist das Holz, jetzt riecht es, und du denkst, dass es noch nicht fertig ist, und dass noch gar nichts fertig ist.“

An diesem Text wird deutlich, wie sich bei Lothar Seruset alle Themen gegenseitig durchdringen, das Lokale, das Globale, die Freude am Leben wie auch die Gewissheit über die Missstände, das Falsche, das Unfertige und dass es in jedem Leben, vor allem bei Kindern eine Zeit der völligen Unbeschwertheit und der Sicherheit gibt, die sich im Alter völlig verliert, da man leider eines Besseren belehrt wird. Aber die Summe dieser komplexen Gedanken und widerstreitenden Gefühle findet Eingang in seine Kunst.

Und hier kommen die Werke von Sabine Ostermann und Lothar Seruset zusammen. In verschiedener Weise gelingt es beiden, den komplizierten Zustand von Welt und Gesellschaft in komprimierter Form in Bildern und Skulpturen auszudrücken, die das Potenzial haben, sich wieder zu Erzählungen in unseren Köpfen zu entfalten. Diese Arbeit allerdings müssen Sie als Betrachter selber leisten.

Ich hoffe, meine Ausführungen waren dafür hilfreich und ich wünsche Ihnen einen anregenden Abend mit vielen Gesprächen und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.