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Ralf Burmeister

Detlef Waschkau, ein Jongleur der Widersprüche

Er kann mit dem Beitel malen und dem Pinsel schnitzen: Detlef Waschkau hat das Relief, seit der Antike eine Kunstform, die zwischen der Plastik und der Malerei steht, in eine zeitgemäße Bildsprache transformiert. Aus geschichtetem Pappelholz arbeitet Waschkau Werke, die in sich von schlüssiger Widersprüchlichkeit sind: Die Kantigkeit des herausgeschlagenen Holzes trifft auf eine Zartheit der Kolorierung. Das Spontane des aufgetragenen Farbverlaufs geht auf im genau Geplanten des Bildaufbaus. Kompakte Flächen sind von zeichnerischer Leichtigkeit durchbrochen. Schließlich erwächst aus dem Abstrakten der einzelnen collageartigen Bildsegmente das Konkrete, das figurative Motiv.

Spannungen

Der Ausgleich von eigentlich Gegensätzlichem liegt Detlef Waschkau. Die Nähe zur asiatischen Mentalität und Lebenskultur, die er bei seinem ersten Arbeitsaufenthalt in Japan im Jahr 2002 erfuhr und die ihn seitdem mehrfach dorthin und seit 2011/12 auch nach Beijing und Nanking in China gezogen hat, findet ihren Reflex auch in seinen Arbeiten. Polar aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien, für die in der Philosophie des Taoismus die (durch den ‚spirituellen Pop' allzu verwässerten) Begriffe Yin und Yang stehen, grundieren den Entstehungsprozess wie das vollendete Bildwerk: Bildhauerei trifft hier auf Malerei, Spontaneität auf Kontrolle, Gegenständlichkeit auf nicht Figuratives, Ruhiges auf Expressives. Und schließlich sind die Arbeiten auch der Versuch des Künstlers, uns den sich über Monate hinziehenden Schaffenszeitraum gegenwärtig werden zu lassen.

Am Anfang steht bei Detlef Waschkau eine große Geste mit dem Pinsel, die aus der Lust am Unkontrollierten gespeist ist. Mit lasierenden, meist leuchtenden Farben malt er auf eine Schichtholzplatte aus der gut zu verarbeitenden Pappel. Das Holz saugt auf, die Farbe dringt ein. Es ist die erste Spur einer Werkwerdung, die er, gleich welche Überarbeitungen noch folgen, in jeder seiner Arbeiten stehen lässt und die uns, wenn wir sie denn entdecken, gedanklich zum schöpferischen Ausgangspunkt mitnimmt. Dieser frühe spontane Farbauftrag wird anschließend gebändigt durch ein die Platte überziehendes gezeichnetes Flächenraster, in das Waschkau das Bildmotiv skizzenhaft anlegt. Es folgt der Griff zu den scharfen Bildhauerwerkzeugen, mit denen er feine Holzschichten Segment für Segment abschlägt, um im Wechsel auch das Motiv weiter malerisch zu formulieren. Dem Abtragen folgt das Auftragen folgt das Abtragen. Dematerialisierung und Konkretisierung bedingen einander und werden von Detlef Waschkau sensibel gewichtet. Ebenso hält er die Spannung zwischen einzeln gestalteten Flächen, die mal von ruhig-gedeckter Farbigkeit und mal von expressiv-heiterem Kolorit sind. So wie jedes der strukturierenden Segmente in seinen Bildobjekten für sich genommen von abstrakter Ausdruckskraft ist, fügt sich die Gesamtheit der malerisch-plastischen Teilstücke zu figurativen Abbildern.
Uns offeriert Detlef Waschkau in seiner Reliefmalerei Wahrnehmungscollagen. Fokussieren wir das Einzelne, etwa jene mit Astlöchern durchsetzten nicht farbig gefassten Partien, die nur, aber deutlich die Ansatzspuren des Beitels aufweisen (und eingestandenermaßen zur Berührung reizen), verlieren wir das Ganze aus dem Blick. Und vice versa. Es ist eine Kippbewegung des Sehens, die zwischen dem einzeln Fokussierten und der mosaikartigen Gesamtheit fortwährend pendelt, mit der uns Waschkau herausfordert. Dieses In-eins des Gegenläufigen ist konstitutiv für seine Arbeiten. Ausgehend von dem Gegeneinander-Setzen von unterschiedlichen Bearbeitungsstadien und Ausdrucksformen und mündend in ein Vexierspiel, das den Betrachter unausweichlich zum Nachdenken über das Betrachten an sich führt.

Momente

Mensch, Stadt und Architektur sind die Themen, auf die sich Detlef Waschkau motivisch konzentriert. Dabei reizt ihn nicht das Spektakuläre, sondern das Alltägliche in seiner momenthaften Ästhetik. Fotografien von Situationen werden zum motivischen Ausgangspunkt für Waschkaus Bildobjekte, die sich dem plakativ Erzählerischen erfolgreich entziehen. Mit der Kamera durch die Städte flanierend, finden ihn die Motive. Wie jenes einer japanischen Schülerin mit Mundschutzmaske gegen Erkältungen, obligaten Mobiltelefon am Ohr und fransigen Pony, deren Blick sich im Unbestimmten verliert. Sie repräsentiert einen japanischen Typus und hat doch genug individuelle Qualitäten, um für Detlef Waschkau bildwürdig zu werden. Die Fotografie von dem Mädchen diente ihm als Referenz zur Ausarbeitung des großformatigen Reliefs aus dem Jahr 2009 „Kopf, Japan". Der Titel ist bewusst assoziationsfrei gehalten, verführen doch sprechende Betitelungen häufig zu der kognitiven Fehlannahme, wir wüssten damit, was wir sehen. Waschkau verlässt sich hier wie fast immer auf die Substanz des (vermeintlich) gewöhnlichen Augenblicks, dessen ästhetischen Gehalt er im wahrsten Sinne des Wortes ‚herausschälen' will. Dabei ist die Motivfindung nicht beliebig, vielmehr folgt sie einem längeren Auswahlprozess. Zeichnerisch graviert er etwa die erschlafften Gesichtszüge des Mannes in Amsterdam, 2010, in Holz, der gerade in seiner Unscheinbarkeit von Reiz für Detlef Waschkau ist. Die farbige Ausarbeitung des Gesichts und der Silhouette des innehaltenden Mannes im dunklen Anzug sind im Bildwerk dominierend, die kunterbunte und vielgestaltige Straßenszenerie Amsterdams mit den Fassaden der Grachtenhäuser wird nur ansatzweise bildnerisch formuliert. Auf den namenlosen Mann heften sich unsere Blicke und mithin erscheint das Profane als Besonderes.

Frahm/Brandt

Das Willy-Brandt-Projekt, das Detlef Waschkau in diesem Jahr umgesetzt hat, ist in seinem bisherigen Œuvre einzig. Zum einhundertsten Geburtstag des Alt-Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers widmet sich Waschkau einer die Zeitgeschichte prägenden Persönlichkeit, die auch bildhaft im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Damit verlässt der Künstler seine Suche nach dem Reiz im Unauffälligen und stellt sich in der künstlerischen Verarbeitung einem markantem Antlitz, welches im Moment erkannt wird und individuelle Erinnerungsmomente auslöst. Sei es für die eine Generation durch Brandts Allgegenwart in den Geschichtsbüchern, sei es für die andere, die in ihm die personifizierte Hoffnung auf Erneuerung einer im Denken des kalten Krieges erstarrten Bundesrepublik Ende der 1960er-Jahre erlebt hat. Waschkaus Werkreihe beginnt mit einer Arbeit nach Fotografien des als Herbert Frahm geborenen Brandt in Norwegen, wohin dieser 1933 vor der nationalsozialistischen Verfolgung emigriert war. Darin verdichtet der malende Bildhauer zwei fotografische Motive des jungen Willy Brandt zu einer Darstellung. Synchron zeigt er den demokratischen Sozialisten im Seitenprofil in einem Zeltlager im Jahr 1937, Pfeife schmökend und eine norwegische Tageszeitung studierend, und zugleich in einer dem Betrachter zugewandten Haltung, das Kinn vorgeschoben mit leicht skeptisch-überheblichen Blick. Die motivische Überlagerung zeigt ein Vorher und Nachher, denn Waschkau collagiert hier, auch dies zum ersten Mal. Er stellt sich aber auch der durchgereiften Gesichtslandschaft Brandts, die, dem Bedeutungsgehalt der Person und Persönlichkeit entsprechend, gerade noch ins Format seiner Arbeiten gebracht werden kann. Es ist Brandt im fotografischen Abbild wie wir ihn kennen ohne ihn gekannt zu haben. Waschkau akzentuiert insbesondere die Augen und den Mund Brandts und interpretiert damit einen unbestimmten gefrorenen Moment. Das Ikonische von Willy Brandts Gesicht findet eine eindrückliche Neuformulierung in Detlef Waschkaus hölzernen Reliefs, die im Rauen wie Zartem dem Wesen des Porträtierten entsprechen.