Redetext Christoph Tannert

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Rede zur Ausstellungseröffnung Michael Ramsauer: Malerei / Lothar Seruset: Skulptur und Holzschnitt, Galerie Tammen, Berlin 09.11.12

Die Werke der Künstler Michael Ramsauer und Lothar Seruset präsentieren sich in jeweils eigenen Konstellationen - die Malerei von Ramsauer mit Landschaften, weiblichen Akten und Bildnissen auf der einen Seite und die Skulpturen in Holz und Bronze sowie die Holzschnitte von Seruset auf der anderen.

Michael Ramsauers Bilder verlangen nach eingehender Rezeption. Sie haben es nicht gern, wenn man sie nur kurz, gar im Vorübergehen betrachtet. Sie wollen mehr, wollen studiert, erkundet sein. Eh man sich’s versieht, hat sich das Auge in dieser Kunst verloren – in flämischen Landschaften, Paradiesgärten, metaphysischen Sehnsuchtsprojektionen, die einen mühelos in die Weite und in die Kunstgeschichte schauen lassen.

Ramsauer lässt sogar den weiblichen Körper zur Sprungschanze für unser Entdeckerauge werden. Ein ganzes Seitenkabinett hat er der Erkundung des weiblichen Körpers gewidmet, geerdet in der Psyche des Mannes. Sie suchen die Wahrheit in der Winzigkeit, in jedem einzeln gemalten Blatt, jeder Haarlocke, jedem Tattoo.

Es ist eine ungeheuer ansteckende Form von Versessenheit. Ist das nun Treue zur Wirklichkeit oder Untreue? Auf jeden Fall lässt Ramsauer den alten, den gewissenhaft expressionistischen Ramsauer vergessen. Außerdem entwöhnt er uns vom Gewohnten.

Wer schlägt heute noch derartige Volten – vor und zurück auf der Zeitachse? Werner Tübke ist tot. Michael Triegel hat sich für den Papst mit sicherem Pinselstrich um Kopf und Kragen gemalt. Nicola Samori und Odd Nerdrum arbeiten an einer letzten Revolte gegen die Auferstehung des Fleisches. Und Ramsauer, stark in seiner Unbeirrbarkeit, lasiert wieder.

Diese Bilder, sowohl in Tempera gemalt, mit matten Oberflächen, als auch in Öl und gefirnisst, setzen auf Augenreiz und Augentäuschung. Und gerade in dieser Täuschung soll sich die Wahrheit zeigen, die der Kunst oder auch nur die alltägliche. Diese Kunst ist unvertraut vertraut, sie will uns hinausführen aus der Welt, indem sie uns die Welt so zeigt, wie wir sie kennen – vermittelt über die Welt der alten Meister und den Bilderberg der Medien, insbesondere der Fotografie.

Ramsauer ist ein Meister des irrealen Realismus, der nach dem Collageprinzip arbeitet. Mal höht er eine Bildpassage malerisch, mal denkt er fotografisch. Ständig wechseln malerisches und fotografisches Denken die Ausgangspositionen. Diese Bilder tragen eine Unmenge an historischem Material und kulturellem Wissen mit sich, z.T. sind es direkte Auseinandersetzungen mit den Klassikern, beispielsweise mit dem Blumen-Brueghel, mit Lucas Cranach d. Ä. oder Claude Lorrain. Nachdem ich mich gestern schon in der Ausstellung umgesehen habe, frage ich mich immer noch, worin genau die Zumutung dieser Bilder besteht?

Zur Debatte steht im Grunde genommen nichts Geringeres als unsere Wirklichkeitsvorstellung, unsere Vorstellung von Zeit und Ort, unsere Diskurse über Zeitgeistigkeit, Modernität und damit grundsätzlich die Rolle der Kunst in der modernen Gesellschaft. Wir erkennen: Wirklichkeit ist eine Konstruktion. Und Ramsauer entwirft sie mit Rückgriffen auf die Renaissance. Freilich kann dabei die Gefahr aufkommen, dass der Betrachter sich in den Zitaten und historischen Einsprengseln, die in Ramsauers Bildern gebündelt sind, verliert und in die Irre geht. Aber das liegt immer daran, welches Maß an Wirklichkeitskonstruktion der Betrachter subjektiv verträgt. Die Mischformen zwischen Fiktion und Nichtfiktion sind das eigentlich Aufregende, was die Bilder von Ramsauer zu bieten haben. Selbst wenn heute das Aussterben dieses renaissancistischen oder meinetwegen auch neo-konservativen, retro-renaissancistischen Bewusstseins oder Stils konstatiert wird (was ja nicht der Wahrheit entspricht), geht es Ramsauer weniger um den Ruf nach kulturellem Artenschutz als um eine Aussage über eine Relevanz der Form. Ramsauer ankert an der Bruchstelle zwischen Zeitgenossenschaft und Historismus. Aber das mit Lust! Und: Könnte es nicht auch sein, dass Ramsauer mit seiner Sehnsucht nach den labyrinthischen und farbenprächtigen Erzähluniversen vergangener Jahrhunderte seinen Bildern ironisches Leben einhaucht? Er beweist mit dieser Ausstellung, dass sich mit Collageprinzipien und metafiktionalem Erzählen bei allem Augenzwinkern ein hohes Maß von Ernst erreichen lässt.

Wie weit diese Bilder am Kitsch segeln oder ob sie danach suchen, Kitsch neu zu bewerten, überlasse ich Ihrer Deutung. Der Bildhauer Lothar Seruset, vertraut mit sämtlichen Baumsorten von Eiche (hart) bis Pappel (weich), ist ein moderner Geschichtenerzähler, der das Phantastische liebt, wobei er jedes linear-kausale Erzählen vermeidet. Er enthält sich, und das ist vielleicht der große Unterschied zu Michael Ramsauer, er enthält sich des Zitierens und schöpft ganz allein aus der Ursprünglichkeit und sinnlichen Gewissheit. Wie Totems leben seinen himmelwärts aufstrebenden Figurenadditionen aus der Beschwörung und aus Schweigen – hinter dem sich das Lachen verschanzt hält. Wenn es durchbricht und man unversehens beginnt loszuprusten, dann vielleicht, weil die Mehrzahl der männlichen Kleinwüchsigen wirklich abenteuerliche Kunststücke aufführt, spärlich bekleidet, manchmal nur von einem toten Fisch oder einem dicken Hund als Landeplatz instrumentalisiert, Natur, Tier und Stadt miteinander ausbalancierend.

Die Holzschnitte des Künstlers, von Autoren oft und gern auch als Buchillustrationen verwendet, umkreisen allgemeine Lebenssüchtigkeit als auch Momente der Lebensverunmöglichung. Lothar Seruset berichtet vom Irrsinn der Originalsituation. Was er aus der Originalwelt an Absurditäten ausflocken lässt, entspricht einem verkehrten Leben in einer verkehrten Welt. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, wenn einem eine animalische Last auf den Gehirnkasten drückt oder ein ganzes Flurstück über den Scheitel wächst? Heiliger Lothar, erlöse uns von den Gewaltverhältnissen in unseren Gedanken. Serusets kompakte Figuren zeigen Lust am Leben und an der Leiblichkeit.

Zwischen heftig lastenden Ereignissen und tragenden Erinnerungen tariert Lothar Seruset eine Formdramaturgie aus, die die zivilisatorischen Ungereimtheiten auf’s Korn nimmt und ihnen mit großer Souveränität bildhauerisch heiter Paroli bietet.